Das bayerische Problem. Warum Bayern kein Vorreiterland bei Erneuerbaren Energien ist. Und wie man das ändern könnte.

Jakob Wunderwald

Drei Dinge, die Bayern nicht ist, aber immer wieder vorgibt, zu sein: Das Land mit dem tollsten Fußballverein Deutschlands, mit dem besten Bildungssystem weit und breit und Vorreiter bei der Energiewende.

Ersteres dürfte unbestritten sein, Punkt zwei auch jedem einigermaß objektiven Menschen ersichtlich, zu Punkt drei meinte CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt im Mai 2012: „Bayern ist ein Vorbild und Vorreiter bei erneuerbaren Energien. Diese Rolle wollen wir auch halten und die Energiewende beispielhaft umsetzen.“ Aha. Eigentlich eine schöne Aussage des smarten Sprücheklopfers mit der modernen Brille. Nur stimmt sie leider überhaupt nicht.

Fährt man auf der Autobahn – oder mit dem Zug, wir sind ja bei den Grünen – durch Deutschland, am besten von Süden nach Norden, dürfte einem recht schnell klar werden, wie sehr Dobrindt danebenliegt. Windräder ziehen fast überall an den Fenstern vorbei – nur halt nicht im „Vorreiterland“ Bayern, das ist nämlich, gerade im Süden, weitgehend windradfreie Zone. Fragt man eine*n beliebigen CSU-Ortsvorsitzende*n, wie das denn sein kann, wird die*der was davon erzählen, dass hier in Bayern ja gar nicht so viel Wind sei, dass der Ostseestrand da viel, viel besser geeignet wäre, und dass diese Windräder außerdem hässlich seien und man die hier nicht haben wolle. Über letzteres ließe sich streiten, die Schönheit von Windrädern, der andere Punkt ist dagegen schlicht und ergreifend falsch.

Der Grund, warum es in Bayern nur so wenige Windkraftanlagen gibt, liegt viel mehr darin, dass sie von staatlicher Seite (also vonseiten der „Vorreiter“ der CSU) ganz einfach nicht gewollt sind. Gerade in Oberbayern wehrt man sich mit Händen und Füßen gegen neue Anlagen. Bürger*innen, die in der Nähe von geplanten Anlagen wohnen, werden nicht über das Projekt aufgeklärt, sodass oft Ängste entstehen, aus denen Bürgerinitiativen werden, die sich dann um die Verhinderung des Ganzen bemühen. So sterben viele Projekte schon vor Baubeginn.

Dazu kommt, dass es in Bayern sehr wohl Gebiete gibt, die für Windkraft geeignet wären. Weite Teile Bayerns würden die Anforderungen erfüllen. Platz wäre auch genug da. Was fehlt, ist viel mehr der Wille, alte Denkmuster zu verlassen.

Nächster Punkt: Solaranlagen. Ähnlich unbeliebt wie Windräder, ähnlich vorurteilsbehaftet, im Grunde ähnlich toll.

Die Argumente, die gegen sie angeführt werden: Sie seien hässlich, ineffizient, und die Sonne scheint hier eben auch nicht so viel wie in der Sahara. Dabei gäbe es durchaus ziemlich gute Möglichkeiten für Solarenergie – gerade hier in Bayern. 4,8 Prozent der bayerischen Stromproduktion stammten 2010 schon von Solaranlagen, eine Zahl, die in den nächsten Jahren noch deutlich steigen könnte.

Zum Beispiel im Bereich der öffentlichen Gebäude, in denen eines der größten Potentiale für Sonnenstrom versteckt ist. Hier wird tagsüber gearbeitet, also zu den Zeiten, zu denen auch die Sonne scheint und für den Strom sorgt. Die Gebäude könnten sich in dieser Zeit selbst versorgen, würden unabhängig von den Strompreiserhöhungen der großen Energieerzeuger. Dazu müsste natürlich erst einmal die Bereitschaft von ein paar CSU-Bürgermeister*innen angekurbelt werden, so etwas auf dem Rathaus ihrer Gemeinde zu akzeptieren. Das wäre vielleicht möglich, wenn klar wird, dass es sich für die Finanzen der Gemeinde lohnen würde, sollte sie sich unabhängig machen – gerade vor diesem Hintergrund war die Radikalkürzung der Förderung von Solaranlagen ein Riesenfehler.

Erneuerbare Energien sind aber nicht nur toll, weil sie die Umwelt schonen und Atomkraft obsolet machen – wie gerade schon anklang, machen sie es Familen, Hauseigentümer*innen oder ganzen Gemeinden möglich, sich von den marktbeherrschenden großen Energieerzeugern und ihren Preiserhöhungen unabhängig zu machen. Erneuerbare Energien sind hier keine teuren, den Strompreis nach oben treibenden Öko-Fantasien, sondern das genaue Gegenteil: Sie erlauben es, aus dem bestehenden System der Preissteigerung auszusteigen, sich unabhängig zu machen, sodass am Ende mehr Geld, nicht weniger, bleibt.

Erneuerbare Energien sind der einzige Weg. Nur mit ihnen kommen wir weg vom Atomstrom, nur sie bieten eine Perspektive für eine Stromerzeugung, die nicht zulasten der Umwelt geht. In Bayern sehen das manche Leute leider anders. Diese müssen dann eben doch abgewählt werden.