Der Klimawandel und nötige soziale Konsequenzen

von Johannes Schubert

Die Landesarbeitskreise Wirtschaft und Soziales (LAK WiSo) und Ökologie (LAK Öko) trafen sich im Herbst in Nürnberg, um die dringend nötigen sozialen Reaktionen auf den Klimawandel zu diskutieren und grobe Forderungen vage auszuformulieren. Rückblickend möchte ich nun, unter Einbeziehung zwischenzeitlicher Ereignisse, versuchen, die wohl größte Problemsituation unserer Zeit zu erläutern.

 

Alle religiösen, kulturellen, ökonomischen und politischen Organisationsformen einer Gesellschaft hängen an ihrem Ökosystem. Bei einer langsamen Veränderung des Ökosystems kann sich die Gesellschaft anpassen. Bei einer sehr rapiden und drastischen Veränderung bricht jede Gesellschaft in sich zusammen.

 

Während ich schreibe, laufen Wissenschaftler*innen mit Netzen durch die Regenwälder und schütten alles, was sie im Netz fangen, ohne es anzusehen in einen Mixer, nur um noch die DNA von möglichst vielen unbekannten Arten zu analysieren, bevor diese aussterben. Wenngleich sie viele der Geschöpfe niemals lebend zu Gesicht bekommen werden.

 

Vor kurzem warnte die Weltbank vor einer Klimaerwärmung von vier Grad bis zum Ende des Jahrhunderts und deren Konsequenzen, wie einem Anstieg des Meeresspiegels, welcher den Wohnraum von hunderten Millionen Menschen vernichten wird, Hitzewellen und Ernteausfälle. Sie wies auch darauf hin, dass eine Erwärmung ab zwei Grad sogenannte „Tipping Points“ aktivieren könne, die die Erwärmung erheblich beschleunigen könnten. Einige Beispiele: Die Eisschicht um den Nordpol könnte schmelzen, was zu einer geringeren Reflexion führen würde, Permafrostböden könnte schmelzen und CO² freisetzen, Regenwälder könnten sterben und weitere Treibhausgase ausstoßen, Waldbrände könnten CO²  freisetzen und niemand kann die klimatischen Konsequenzen vorhersagen, die ein Versiegen des Golfstroms nach sich zöge. Tipping Points sind nicht kalkulierbar.

 

Soziale Folgen

 

Die Weltbank sprach auch von Verstärkern für uns Menschen ab einer Erderwärmung von zwei Grad. Grönlands Eisschicht werde dann viel schneller schmelzen, sodass es dann weit mehr Wasser gäbe, als prognostiziert und es bei wichtigen Getreidearten zu Massenverlusten von Nahrung kommen könne.

Die Weltbank forderte alle Regierungen auf, die 775 Milliarden Euro Subventionen von fossilen Brennstoffen auf die Produktion erneuerbarer Energien zu verschieben.

 

Für die Natur ist die Erwärmung kein Problem. Sie hat in der Geschichte schon viele extreme Klimaveränderungen durchstanden. Viele Pflanzen und sogar Tiere können problemlos überleben. Doch wir zerstören unsere eigene Lebensgrundlage und zu aller erst die Existenz unserer Zivilisation.

 

All unsere Errungenschaften, wie Menschenrechte beispielsweise, stehen, so fern wir nicht jetzt reagieren, auf dem Spiel, denn irgendwann wird niemand mehr in der Lage sein, sie zu verteidigen, weil dann jeder ganz andere Probleme haben wird.

 

Nicht wenige alte Zivilisationen endeten abrupt allein wegen sehr kleinen Klimaveränderungen. Und genau das macht den Klimawandel so gefährlich. Er findet kaum Zugang zu den Köpfen der Menschen, weil er für das Individuum ein zu abstrakter Begriff ist. Wir können nur im Kollektiv angemessen reagieren. Das Thema Klimaerwärmung muss zum wichtigsten Thema unserer Zeit werden. Wir können das auch als geteilte Lebensaufgabe betrachten. Das Thema wird noch immer stark unterschätzt.

 

Unsere Generation ist im Moment besonders stark betroffen. Die Gesellschaft hat eine Verantwortung uns gegenüber und den Menschen, die in den unterentwickelten Ländern leben.

 

Die heutigen Hungersnöte sind vom Menschen gemacht. Sie sind die frühen Folgen der Erderwärmung. Wenn es irgendwo in Afrika Kriege gibt, dann ist der Mangel an Wasser und Nahrung nicht selten der eigentliche Grund für die politischen Konflikte. Tutsis und Hutus mögen einander nicht. Aber ohne Grund töten sie nicht. Viele Waldbrände, Überschwemmungen, Hurricanes und andere Katastrophen sind direkte Folgen des Klimawandels. Wir haben vermutlich keinen Schimmer davon, was heute eigentlich schon so alles eine Folge des Klimawandels ist.

 

Nötige soziale Reaktionen

 

Zwei Dinge sind jetzt sofort nötig. Die drastische Reduktion des Ausstoßes weiterer Treibhausgase und soziale Reaktionen, weil Ressourcen verloren gehen. Anbauflächen verwüsten, Lebensraum versinkt im Meer und parallel zum Klimawandel werden Rohstoffvorkommen ausgebeutet.

 

Die Welt muss sich auf Zeiten vorbereiten, in denen Menschenmassen wandern. Die Staaten werden um Wasser streiten. Viele Menschen werden an die Grenzen der Europäischen Union kommen, weil sie vor Wasserknappheit, Hunger und Krieg fliehen.

 

Erst vor Kurzem gaben die Vereinten Nationen bekannt, dass eine Trendwende zum Rückgang der Weltbevölkerung für dieses Jahrhundert erwartet werde. Doch das geht Hand in Hand mit dem Anstieg des Lebensstandards. Falls Klimawandel und Rohstoffknappheit zur Verringerung des Lebensstandards führten, dann würde dies vermutlich die Geburtenraten ankurbeln. Denn steigender Lebensstandard ist die Voraussetzung für rückläufige Geburtenzahlen.

 

Es ist unsere Generation, die ihren Lebensstandard nicht wird halten können. Bis jetzt stieg er seit tausenden von Jahren an, mit kurzen Unterbrechungen, die beispielsweise durch Kriege verursacht wurden. Die Generation unserer Eltern ist die Generation mit den größten Privilegien der Geschichte. Angefangen mit unserer Generation wird der Lebensstandard sinken. Wir leben über unsere Verhältnisse.

 

Um das zu verstehen, müssen wir uns nur einmal anschauen, wie wir leben, konsumieren und wegwerfen. Die Wirtschaftskrise ist auch eine Folge unseres Lebensstils mit dessen ökonomischen und ökologischen Konsequenzen.

 

Unsere Generation wird noch Schlimmes erleben. Unsere Altersversorgung steht auf dem Spiel. Wenn die weltweiten Ressourcen erstmals in unserer Geschichte weniger werden, dann wird auch das Stück vom Kuchen für jedes Individuum kleiner. Oder aber, die Wenigen, die schon viel haben, behalten die Größe ihrer Kuchenstücke bei und die Anderen verlieren alles. Die Geschichte zeigt, dass kaum jemand freiwillig auf einen Teil seines bisherigen Standards verzichtet. Es ist daher unwahrscheinlich, dass die negativen Konsequenzen von allen Menschen gerecht getragen werden. Genau das muss aber unbedingt geschehen, sonst könnten wir Kriege unvorstellbarer Dimensionen erleben.

 

Momentan reichen die weltweit vorhandenen Nahrungsmengen aus, um jeden Menschen auf der Erde sehr gut zu ernähren. Wenn wir aufhören, Fleisch zu essen, auf Lebensmittelpreise zu spekulieren, Lebensmittel wegzuwerfen, Agrarsprit zu verbrennen, auf Billig zu setzen und Patente auf wichtige Technologien zu halten, können wir dem Nahrungsmangel in der „Dritten Welt“ entgegenwirken. Doch das wird nicht mehr genug sein. Nötig ist jetzt, dass alle Menschen auf der Welt zusammenstehen. Nicht nur beim Kampf gegen Treibhausgasemissionen, sondern auch bei der Bekämpfung des sozialen Phänomens Klimawandel.

 

Wir haben uns so lange mit Fragen wie der nach Krieg und Frieden, Diktatur und Demokratie, Kapitalismus und Sozialismus beschäftigt und haben zwei Weltkriege geführt, während das Klima ständig heißer wurde. Durch den Klimawandel stehen alle Errungenschaften auf dem Spiel. Wir müssen jetzt anfangen, uns für die Zukunft zu rüsten.

 

Die Verluste jedes Einzelnen bieten einen idealen Nährboden für Faschismus. Faschist*innen werden bestreiten, dass jedem ein gerechtes Stück des Kuchens zusteht. Sie werden behaupten, dass nur bestimmten Menschen ein Kuchenstück zustehen würde, Angehörigen einer Volksgruppe, Berufstätigen oder Soldaten beispielsweise. Dem gilt es vorzubeugen.

 

Der Treibhauseffekt wurde bereits im 19. Jahrhundert entdeckt und manche Wissenschaftler*innen prognostizierten uns bereits das Szenario, in dem wir heute mitten drin stehen. Heute sind sich alle seriösen Wissenschaftler*innen einig, dass die Veränderungen am natürlichen Treibhauseffekt existieren müssen, auch wenn es dafür keinen Beweis gibt. Die Schwankungen auf den Klimagrammen verlaufen einfach sehr ähnlich, mit der Menge der parallel freigesetzten Treibhausgase.

 

Doch niemand kann heute den exakten Verlauf der bevorstehenden Ereignisse vorhersagen.

 

Forderungen der LAKs WiSo und Öko

 

Es muss sich jeder mit einem kleineren „Stück Kuchen“ zufrieden geben, um eine neue globale Krise zu verhindern.

 

1. Grundlegende Werte in einem Wirtschaftssystem

 

Der Mensch als soziales Wesen strebt stets nach einer gemeinschaftlichen Organisation. In dieser gemeinschaftlichen Organisation brauchen wir

 

  • gerechte Verteilung von Gütern (z. B. Nahrung, Kleidung, Vermögen, Wohnraum, Mobilität)
  • Chancengleichheit (z. B. Bildung, Geschlechtergerechtigkeit)
  • strukturelle Rahmenbedingungen (z. B. Transaktionssteuer, Import-Export-Ausgleich, Erbschaftssteuer)
  • Subsidiaritätsprinzip als Handlungsmaxime

 

2. Sozial-ökologische Marktwirtschaft

 

  • Eine sozial-ökologische Marktwirtschaft ist anzustreben. Unser momentanes Wirtschaftssystem beschreibt sich zwar als soziale Marktwirtschaft, weist jedoch große Defizite im sozialen Bereich auf.
  • Um auf die zu erwarteten Entwicklungen zu reagieren, muss sich unser Wirtschaftssystem radikal verändern. Dabei müssen die ökologischen und sozialen Faktoren in den Vordergrund gestellt werden.
  • Es müssen klare Rahmenbedingungen gesellschaftlich geschaffen und staatlich durchgesetzt werden. Wirtschaft und Ressourcenverbrauch dürfen nicht in Abhängigkeit stehen und müssen zwangsläufig entkoppelt werden.
  • Die gerechte Verteilung der Güter muss gewährleistet sein.
  • Grundlegend müssen zwei Organisationsformen unterschieden werden. Es handelt sich dabei um Sachorientierung und Formalorientierung. Organisationen, die formalorientiert arbeiten, streben nach Gewinnmaximierung. Auch in Zukunft kann das z.B. folgende Branchen umfassen. Autoindustrie, Elektroindustrie, chemische Industrie, großteils Dienstleistungssektor. Die Sachorientierung dient einer Sache. Es steht nicht der Gewinn, sondern die Sache im Vordergrund. Beispiel aus dem öffentlichen Nahverkehr: Arbeitet der ÖPNV formalorientiert, steht der Gewinn im Vordergrund, was z. B. zu erhöhten Fahrpreisen und Einschränkungen bei Fahrzeiten in den Nebenzeiten führt. Arbeitet der ÖPNV hingegen sachorientiert, sind Pünktlichkeit, niedrige Fahrpreise, saubere Bahnhöfe und ein gleichmäßiges Angebot von Fahrzeiten und Haltestellen das Ziel. Sachorientierte Bereiche sollen beispielsweise Bildung, Bahn, ÖPNV, Gesundheitswesen, Wasserversorgung, Polizei, Stromnetz, Infrastruktur und Feuerwehr sein. Sämtliche Organisationsformen müssen dem Gemeinwohl verpflichtet sein.

 

3. Besonders wichtige Ziele

 

  • Sinnvolle Transaktionssteuer
  • Import-Export-Ausgleich
  • Sinnvolle Erbschaftssteuer
  • Sinnvolle Vermögenssteuer
  • Gerechter Spitzensteuersatz