Der Wert des Mülls – Containern gegen die „Wegwerfgesellschaft“

von Leandra Beyse

Was kann ich mir im nächsten Supermarkt für 310 € kaufen? Ziemlich viel.
500g Nudeln kosten kaum über 1€. Da erscheinen diese 310€ wie ein kleines Vermögen. Nun muss man diese Summe mit der Bevölkerungsanzahl der Bundesrepublik Deutschland (ca. 82 Mio. Menschen) multiplizieren um den ungefähren Wert der Lebensmitteln zu errechnen welche in Deutschland ungenutzt weggeschmissen wird. In Kilogramm: durchschnittlich 81 pro Person.

?Containern

Auf der anderen Seite stehen laut Welthungerhilfe 2 Milliarden Menschen die weniger als 1800 Kilokalorien am Tag zu sich nehmen können, also unterernährt sind. Während erst in den letzten Jahren Spitzenpolitik und Medien vorsichtig auf die Problematik dieser immensen Verschwendung machten begannen bereits in den 1990er Jahren immer mehr Konsum-, und Globalisierungskritische Menschen sich genau von jenem Essen zu ernähren , welches von Supermärkten und Produzenten als wertlos erachtet und entsorgt wird. Die Mehrzahl hat zwar das Geld um sich ernähren zu können, ist aber aus ethischen Gründen nicht bereit Unternehmen zu unterstützen die eine derart wahnsinnige Ungerechtigkeit vorantreiben.
In verschiedensten Internetforen tauschen Mülltaucher*innen ihre Erfahrungen und Tipps aus, wie die Tonnen-Tour am erfolgreichsten gestaltet werden kann, am besten ohne Kontakt mit der Polizei. Denn laut Gesetz begeht jede*r der/die sich an den Abfallbehältern der Unternehmen bedient Hausfriedensbruch (beim Überqueren einer Absperrung), Diebstahl (beim Entnehmen der Waren) und gegebenenfalls Sachbeschädigung (beim Aufbrechen oder Demolieren eines Verschlusses). Im Juni 2013 berichtete „Die Welt“ ausführlich von einem Prozess in Aachen. Hier wurden zwei junge Männer der oben genannten Straftatbestände angeklagt. Nachdem sie in erster Instanz zu einer Geldstrafe verurteilt wurden ließ das Landgericht die Klage im Berufungsverfahren fallen, auch der klagende Leiter des betroffenen Supermarkts stimmte dem zu. Dieser Prozess zeigt: Noch mehr Abneigung als gegen Menschen die sich aus Mülltonnen ernähren, haben Konzerne gegen negative Berichterstattung in der die Praktiken der Massenentsorgung an die breite Öffentlichkeit geraten könnte. Bei einer Weiterführung des genannten Prozesses hätte aus Sicht des Marktleiters wohl genau dies passieren können.

Doch weshalb ist es in großen Teilen unserer Gesellschaft noch immer verschrien sich durch containern mit Lebensmitteln zu versorgen?
Logischerweise wollen Wirtschaftsunternehmen nicht, dass ihre Ware unbezahlt genutzt wird, auch wenn dies bedeutet Nahrungsmittel wegzuschmeißen. Sie fürchten schlicht Umsatzeinbußen, denn wer ausreichend containert kauft weniger oder nichts dazu.
In konservativen Kreisen ist auch die Einstellung weit verbreitet, dass der soziale Status eines Menschen über seine materiellen Besitz definiert werden kann. Somit sind Personen die kein Geld für Essen ausgeben können oder wollen als „asozial“ stigmatisiert. Containern bei dem es sich längst nicht nur um die eigene Lebensmittelversorgung, sondern um einen Protest gegen die „Wegwerfgesellschaft“, handelt setzt voraus dass die handelnde Person sich mit den Umständen beschäftigt hat die zu einer solchen Verschwendung führen. Das kann unangenehm sein, so muss man sich fragen welche Gewohnheiten sich durch den nahezu unbeschränkten Zugang zu Gütern entstehen: „Brot mit trockener Rinde? Weg damit, ich kaufe schnell Frisches.
Apfel mit Druckstelle? Will ich nicht.“ Wie so oft stimmt zwar kaum jemand dieser Praktik öffentlich zu, aber so genau wissen wie es aussieht in den Containern der Supermärkte will man dann doch nicht.
Im Endeffekt genügt es nicht wenn einige wenige das, was die Mehrheit wegwirft, versucht zu verwerten. Die Haltung der Allgemeinheit muss sich wandeln. Sie muss erkennen dass unser aktueller Lebensstil nicht dauerhaft bestehen kann und zudem ethisch höchst fraglich ist.
Solange diese Veränderung noch nicht erfolgt ist, ist containern eine von vielen Methoden den Widerstand gegen die bestehende Gesellschaft zu leben.