Erdinger GJ-Sprecher war zu Besuch bei der AfD

München. Der Kreisverband der AfD München-Ost lädt zu einer Veranstaltung „Familie statt Gender“. Ich treffe mich mit zwei Freund*innen, um aus Neugier diese Veranstaltung zu besuchen. Wir wollen wissen: wie läuft so eine AfD-Versammlung ab? Was wird intern besprochen? Und: meinen die das eigentlich ernst?

Wir treffen uns eine halbe Stunde vor Veranstaltungsbeginn an einer nahegelegenen U-Bahnstation. Auf dem Weg zum Veranstaltungsort, einem indischen Lokal, dessen Inhaber nach eigenen Angaben nichts von der Versammlung wussten und auch keine weitere AfD-Veranstaltung zulassen wollen, wird bereits ein dunkelhäutiger Mann angepöbelt und beschimpft. Er nimmt es mit Humor, den Pöbler sehen wir später bei der Veranstaltung wieder. Wir kommen am Lokal an. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite hat sich eine kleine Gegendemo versammelt. Organisiert von zwei Frauen. Auf Fahnen und Plakaten ist zu lesen: „Frauen-Power“, „No AfD“, „Kein Mensch ist illegal“, etc. Direkt vor dem Lokal steht ein glatzköpfiger Nazi mit Sonnenbrille. Spätestens jetzt wird uns doch ein bisschen bang. Was wird uns drinnen erwarten? Unser Plan: wir wollen Interesse heucheln, wollen einen ehrlichen Einblick in die Veranstaltung und nicht als Gegner auffallen.

Wir betreten einen kleinen Nebensaal, über dessen Eingang der Schriftzug „Party Hall“ prangt. Die Kellner sind mit der Situation sichtlich überfordert. Wir betreten den Saal und werden vom Kreisvorsitzenden per Handschlag begrüßt. Etwas skeptischer schaut Thomas Fügner drein. Er bezeichnet sich selbst als systemischer Berater und Männer-Coach. Er hat eine scripted-reality-Serie bei RTL II. Außerdem ist er als Beisitzer Mitglied im Landesvorstand der AfD Bayern. Er soll heute über dieses Gender informieren. Da die AfD sichtlich Probleme mit englischen Begriffen hat, wird das Wort konsequent „deutsch“ ausgesprochen (also ‚gender‘ statt ‚dschender‘). Ein Umstand, der das Folgen der Ausführungen später deutlich erschweren wird. Zunächst haben wir noch etwas Zeit uns umzusehen. Der kleine Raum ist ziemlich voll. Ca. 20 Menschen sind anwesend. Abgesehen von uns sind noch etwa 3 oder 4 Frauen anwesend. Der Rest? Männer. Alte Männer. Frustrierte Männer. Gleich zu Beginn herrscht in einem Zwischenruf äußerst aggressive Stimmung. Auch untereinander. Die beiden indisch aussehenden Kellner bemühen sich um Höflichkeit, tun sich aber mit dem Klientel sichtlich schwer.

Der Kreisvorsitzende beratschlagt noch kurz mit seinen Kollegen das Vorgehen. Mit dem Satz „die Leute hatten einen langen Arbeitstag und wollen nicht mehr selbst denken“ wird beschlossen, erst ganz am Ende eine kurze Diskussion anzuhängen. Die Veranstaltung beginnt. Der Kreisvorsitzende beginnt mit einer kurzen Begrüßung und berichtet von zwei wichtigen Ereignissen der vergangenen Wochen. Zunächst wird lang und breit der Brexit bejubelt. Natürlich werden diese Ausführungen begleitet mit Häme über „unsere deutschen Medien“, die uns dieses und jenes verklickern würden. Untermauert mit irgendwelchen Statistiken, deren Zahlen er leider nicht richtig vortragen kann. Wir verstehen leider nicht, was er uns sagen möchte. Der Saal wirkt allgemein etwas irritiert. Trotzdem nicken alle und beklatschen die Ausführungen. Danach geht es um die baden-württembergische Landtagsfraktion, die an diesem Tag ihre Spaltung verkündete. Grund? Ein Abgeordneter (Gedeon) hatte ein offen antisemitisches Buch verfasst. Der Kreisverband sei aber nicht in der Lage zu entscheiden, ob es sich um Antisemitismus handele, schließlich würden sie sich alle damit nicht auskennen. Wie absurd es ist, dass ein Haufen alter, weißer, heterosexueller Männer an diesem Abend über Feminismus und Homosexualität debattieren wird, fällt ihm dabei nicht auf. Man dürfe durchaus über Antisemitismus reden, allerdings nicht in der Öffentlichkeit. Hierbei nennt er die österreichische FPÖ mehrfach als Vorbild. Immer wieder kommen noch ein paar Gäste rein, die zu spät sind. Unter ihnen: Heinz Meyer. Wer ihn nicht kennt: er ist Vorstandsmitglied von Pegida-München und war lange Zeit Anmelder der montäglichen Demonstrationen. Er versteht sich gut mit einigen Rechtsextremisten und hat derzeit ein Verfahren wegen „Verdachts auf Gründung einer terroristischen Vereinigung“ am Hals. Er wird freudig begrüßt, alle duzen ihn. Weitere Pegida-Demonstranten sitzen bereits im Raum.

Die Begrüßung ist fertig, endlich geht der Vortrag los. In die Runde wird gefragt, wer zum ersten Mal hier wäre. Wir melden uns. Wir werden aufmunternd willkommen geheißen. Die von uns erwartete Skepsis bleibt aus. Wir tragen kurze Hosen, T-Shirts und Turnschuhe. Wir passen nicht ins typische Klientel. Dennoch überwiegt die Freude über junge Interessent*innen. Wir sind gut ausgestattet. Haben Trillerpfeifen in der Hosentasche, tragen unter unseren T-Shirts weitere Shirts mit der Aufschrift „dies ist ein Anti-Terroranschlag des Asozialen Netzwerks“ in Anlehnung an Marc-Uwe Klings Buch „die Känguru Chroniken, Ansichten eines vorlauten Beuteltiers“. Wir wollen auf alles Vorbereitet sein.

Der Vortrag beginnt. Unsere Nervosität legt sich langsam. Die Stimmung bleibt angespannt, aber scheint nicht mehr bedrohlich. Wir lauschen dem Vortrag. Der Begriff Gender wird zu unserer Überraschung korrekt erklärt. Natürlich begleitet mit viel Sarkasmus und Herablassung, aber korrekt. Dann geht es los. Er vergleicht Gender mit Menschenexperimenten des Dritten Reichs. Erklärt hinter der Gender-Ideologie zwei „Kampflesben“ als Drahtzieherinnen. Er führt aus, wie ohne Zustimmung eines Nationalen Parlaments, Gender von der Höchsten politischen Ebene bis ganz nach unten bis in jeden kommunalen Kindergarten getragen wurde. Er erzählt als Beispiel rührende Geschichten von „befreundeten Familien“, er erklärt, dass der Vorwurf der Homophobie nicht gerechtfertigt sei, überhaupt sei dieser Begriff an sich nicht richtig, er führt aus, wie nur unzufriedene Frauen, Kampflesben und Homosexuelle davon profitieren würden. Er tut sich sichtlich schwer und vermeidet konsequent das Wort „schwul“. Er redet immer von „Lesben und Homosexuellen“, die davon profitieren würden. Er führt aus, wie jeder einzelne von uns gegen Gender vorgehen könne. Man solle die traditionelle Familie vorleben. Scheidungen seien infantil, weshalb Grüne und SPD bestimmt viel höhere Scheidungsraten und überhaupt quasi keine funktionierenden Familien in ihren Reihen hätten. Kurz gesagt: bei der AfD sei die Welt noch in Ordnung. Traditionelle Werte würden noch gelebt. Von Frauke Petry, die ihren Mann samt Kindern für einen Parteikollegen verlassen hat, ist nicht die Rede. Ich traue mich auch nicht nachzufragen. Letztlich kommt der „Männer-Coach“ noch auf die angeblichen Profiteur*innen der „Gender-Idee“ zu sprechen. Es seien Homosexuelle und Kampflesben, die sich zum Ziel gemacht hätten, die traditionelle Familie und den Fortbestand der Menschheit zu zerstören. What? Hat er das gerade ernsthaft gesagt? Ja, hat er! Er zeichnet vollen Ernstes ein Feindbild, das den besten Horror-Autoren wohl zu absurd erscheinen würde. Wir wollen die Menschheit zerstören? Er glaubt das wirklich und das Publikum klatscht.

Pause.

Wir stürmen raus, brauchen frische Luft. Gegenüber steht die Gegendemo. Sie ist gewachsen. Einige Passant*innen haben sich spontan angeschlossen. Sie schauen uns irritiert an. Ich lächle zurück. Ich will nicht auffliegen. Verstehen sie, was wir da machen? Halten sie uns für einen Teil dieser Irren da drin?

Wir beratschlagen uns kurz. Bisher waren wir nur stille Beobachter*innen. Wollen wir bis zum Ende bleiben? Wollen wir diskutieren? Wollen wir rumschreien und unsere Meinung sagen?

Wir entscheiden uns dagegen. Wir halten diesen Schwachsinn nicht mehr aus. Wenn ich noch einmal das Wort Gender aus deren Mündern höre, muss ich kotzen. Wir wechseln die Straßenseite, gehen zur Gegendemo, erzählen, was wir gehört haben. Ums Eck steht eine Polizeistreife zum Schutz der Gegendemo. Es sind sehr nette, bunte Menschen. Es tut gut, da endlich raus zu sein. Ein weiterer Teilnehmer von drinnen kommt zu uns und offenbart sich ebenfalls als Gegner. Auch er wollte sich das nur mal anschauen und sei geschockt. Ein lesbisches Paar küsst sich direkt vor den AfDlern, die noch Pause machen. Sie sind irritiert, laden dann die beiden aber ein, sich den Vortrag anzuhören. Drei weitere Gegendemonstrant*innen folgen. Fügner hatte bereits zu Beginn des Vortrags bedauert, dass keine Gender-Befürworter da seien, die er verbal auseinander nehmen könne. So mache es keinen Spaß.

Wir wollen da nicht mehr rein. Wir haben einen Einblick bekommen. Die Ideologie der AfD ist gefährlich, die Anwesenden Mitglieder sind es zum überwiegenden Teil nicht. Ich habe gemischte Gefühle. Ein bisschen Mitleid ist auch dabei.

Als Fazit bleibt für mich übrig: Ja, sie meinen das verdammt ernst. Die Gruppe lebt in ihrer eigenen kleinen heilen Welt. Die „Systempresse“ wird abgelehnt, wissenschaftliche Studien werden selbst erfunden, Argumente werden konstruiert.

Von den Gegendemonstrant*innen, die jetzt in der Veranstaltung sind, erfahren wir via Twitter noch ein paar Auszüge aus der zweiten Versammlungshälfte. Der Referent habe gerade die Menschenexperimente durch Josef Mengele im Dritten Reich als „gar nicht so falsch“ bezeichnet.

Wir gehen, wir haben Hunger und sind erschöpft. Auf dem Weg zu einem guten Abendessen informieren wir die Polizei über die Holocaust-Verharmlosungen, den offenen Rassismus und den Antisemitismus in diesem Lokal. Der junge Polizist zeigte sich irritiert, wusste selbst nichts über die Veranstaltung, es sei für drinnen keine Polizei da. Sie seien für die Gegendemo verantwortlich. Er ist nett und wirkt bemüht. Er verspricht mal reinzuschauen.

Wir gehen essen. Wir können nicht aufhören über das eben Erlebte zu reden. Das wird uns vermutlich noch eine Weile beschäftigen. Gut, dass es endlich Pizza gibt.

Christoph Sticha auf Twitter

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