Körperkult in den Medien

von Daniel und Benjamin Thébaud

Unabhängig von jedweden klimatischen Rahmenbedingungen gibt es ein untrügerisches Zeichen, dass entweder der Sommer oder Silvester vor der Türe steht: Die fast gesamte Medienlandschaft [außer der Brennstoff] erklärt uns „Wir sind zu fett!“ Die Süddeutsche Zeitung schreibt z.B.: „Die meisten Menschen wollen 2014 mehr für ihre Gesundheit tun“ und beglückt uns ungefragt mit sieben Tipps für Männer und Frauen, sich 2014 sportlich zu betätigen.
Pauschal wird also mindestens über 50 % der Leser*innenschaft unterstellt, sich im neuen Jahr häufiger sportlich betätigen zu wollen. Was wirklich dahinter steckt, zeigt sich im letzten Absatz: „Dann weiter auf die Matte – Bauchmuskeltraining. Das geht so weiter, bis das Trainingsshirt klatschnass ist, man selbst völlig außer Atem und man die Trainerin, diese durchtrainierte Amazone, zum Teufel wünscht (wahlweise natürlich auch den Trainer, diesen drahtigen Kraftprotz) […] Aber siehe da: Schon nach ein paar Treffen spürt man es, die Muskeln sind straffer, die Waage zeigt weniger Pfunde an – und man fühlt sich deutlich besser.“ Unter dem Label Gesundheit wird hier vor allem das Ziel propagiert, als Frau einen schlanken „durchtrainierten“ Körper zu besitzen und als Mann „drahtig“ und muskulös dem vorherrschenden Schönheitsideal näher zu kommen.

?Körperkult

Die Waage muss weniger Pfunde anzeigen, egal welches Gewicht sie zuvor anzeigte, bei Männern müssen die Muskeln straffer werden. Dass man beim Treppensteigen weniger schnell außer Atem kommt oder Alltagsstress als weniger belastend empfindet, oder andere gesundheitliche Aspekte? -Nicht mal erwähnenswert. Der Stern macht auf mit dem Titel: „Vom Fasten bis Bewegung: Wissenschaftler erforschen, was wirklich hilft“ und zeigt uns dazu das Schicksal von 6 Menschen, die massiv abgenommen haben. Der Artikel schließt mit dem Satz: „Das Fasten bleibt ein massiver Eingriff in den Stoffwechsel -aber einer, der sich vielleicht lohnen könnte.“
Auf dem Weg zum vom Stern erklärten Ziel, schlank zu sein, darf es nur Chancen geben. Risiken und Probleme werden einfach ausgeblendet. Fünf der sechs im Artikel genannten Personen litten an Adipositas Grad III (der höchsten Stufe!), die sechste an Adipositas Grad II. Der Artikel macht jedoch keine Unterscheidung, ob eine behandlungsbedürftige krankhafte Adipositas vorliegt oder die angesprochene Leser*innengruppe normal oder gar untergewichtig ist. Wir alle müssen abnehmen! Der Focus beglückt uns fast zeitgleich mit dem Titel: „Schlank ohne Stress -Fünf Wege zum Wohlfühlgewicht -Ärzte erklären die besten Abnehm-Strategien“ Die Unterüberschrift „Fünf Wege zum Wohlfühlgewicht“ suggeriert, hier, dass es darum gehe, einen Gewichtszustand zu erreichen, bei dem man sich wohlfühle. Der darauf folgende Satz „Ärzte erklären die besten Abnehm-Strategien“ macht klar, dass es sich hierbei für jeden nur um Gewichtsreduzierung handeln kann, eine Gewichtszunahme, hin zum Wohlfühlgewicht kommt dabei natürlich für Niemanden in Frage.

Frauen werden in der Presse wesentlich stärker auf ihr Äußeres reduziert als Männer und generell fällt auf, dass die Kriterien für schöne Männer nicht ganz so rigoros und eng gefasst werden wie für Frauen. So fällt beispielsweise eine deutlich größere Altersspanne auf. Im Gegensatz zu Frauen werden auch Männer wie beispielsweise Bruce Willis oder George Clooney auch über 50 noch als attraktiv für alle Zielgruppen betrachtet. Insgesamt wird mit dem starken Geschlecht in Bezug auf Schönheitsideale nachsichtiger umgegangen. Generell ist volles Haar und körperliche Mindestgröße eine Grundvoraussetzung und Charakteristika wie z.B. ein markantes Kinn, Nase, Augen, Sixpack, ausgeprägte Armmuskeln, ein breites Kreuz, neben einem schwammigen gepflegten Äußeren, die von den Medien als Grundvoraussetzungen definiert werden. Deutliche Abweichungen von entsprechend aufgestellten Schönheitsidealen werden bei Männern dann in Kauf genommen, wenn es sich z.B. um Menschen sogenannter adeliger Herkunft oder erfolgreiche Geschäftsmänner handelt. Hier kann sogar nahezu allen sonstigen Kriterien abgewichen werden und die Person wird als schön und für die entsprechende Lesergruppe wahlweise als erstrebenswerter Sexualpartner oder stilistisches Vorbild präsentiert. Der ästhetische mainstream Geschmack unterliegt jedoch immer dem Wandel der Zeit, bestes Beispiel: die “Rubens-Frauen”. Noch bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts galt für Männer wie für Frauen ein Bild als Schönheitsideal, das nach heutigen Maßstäben als dick gelten würde. Heute orientiert sich unser Schönheitsideal  für Männer an den athletisch muskulösen Körpern wie sie im antiken Griechenland in Skulpturen und Malereien dargestellt wurden. Frauen jedoch sollen nicht muskulös, sondern in erster Linie nur schlank sein, aber dennoch einen möglichst großen Brustumfang besitzen. Der Wandel dieses Schönheitsideals lässt sich unter anderem damit begründen, dass Fett in früheren Zeiten als Zeichen des Wohlstandes galt. Nur die Wohlhabenden konnten es sich leisten, sich satt zu essen, während die arme Bevölkerung hungerte und damit schlank blieb. Muskeln und ein braungebrannter Körper waren ein Zeichen harter körperlicher Arbeit (in der Regel auf dem Feld). Die Oberschicht, die es sich leisten konnte, nicht zu arbeiten und die Tage in geschlossenen Räumen zu verbringen, präsentierte stolz ihre vornehme Blässe und dinierte ausgiebig. Heute ist in den reichen Industrienationen die Versorgung mit Lebensmitteln gesichert und fettige und zuckerhaltige Speisen sind günstiger als gesunde Lebensmittel. Übergewicht und Adipositas sind ein Zeichen der sozialen Unterschicht geworden. Die Arbeit findet heute überwiegend in geschlossenen Räumen statt, sodass es nun als erstrebenswert vermittelt wird, Zeit für Muskelaufbau oder Fettabbau mittels Sport oder den Besuch von Fitnesstudios zu investieren und der vornehmen Blässe wird heute die vitale Bräune vorgezogen, für welche hierzulande Geld für Urlaub oder das Solarium investiert werden muss. In den letzten 50-70 Jahren wurde der Schönheitstrend noch extremer. Früher galt bei Frauen die Kleidergröße 44 als ideal und Marilyn Monroe hatte Kleidergröße 42. Das männliche Pendant Sean Connery war zwar muskulös, hatte jedoch keinen Waschbrettbauch und beeindruckte noch u.a. mit starker Brustbehaarung. Generell ist aber bei vielen Menschen der Trend zu beobachten, dass sie sich bei der Partner*innenwahl gar nicht am von den Medien vorgegebenen Idealbild orientieren, sondern einen anderen Typus bevorzugen. Dennoch obliegt es einem kleinen homogenenen Oligopol der Medienmacher*innen, Trends weilweise völlig am Leser*innengeschmack vorbei in die Medien zu setzen und zu beeinflussen. Ein Problem ist aber, dass Personen, die nicht dem von den Medien propagierten Schönheitsideal entsprechen, wesentlich seltener bis gar nicht abgebildet werden und Medien lieber von ihnen als hübsch empfundene Personen unabhängig von der Seriosität der Publikation und sonstigen Rahmenbedingungen abbilden und hübsche Frauen aber gleichzeitig weniger ernst nehmen. Personen, die nicht dem gängigen Schönheitsideal entsprechen, werden so an den gesellschaftlichen Rand gedrängt. Zahlreiche Frauen werden allein schon aufgrund ihres biologischen Alters aussortiert. Frauen über 30 sind qua definition der Medien nicht mehr so hübsch wie jugendliche Frauen oder Frauen bis Mitte 20. Ältere Frauen sind zwar vom Zwang des Körperkults nicht ausgenommen, haben aber noch unter dem von den Medien vorgegebenen Jugendwahn zu leiden und den biologischen Prozess des Alterns hinauszuzögern. Durch die verstärkte Nachbearbeitung mittels Photoshop und der perfekten Inszenierung mittels Kulissen, Ausleuchtung usw. wird ein in der Realität nie zu erreichendes Vorbild vorgegeben, an dem viele Menschen zerbrechen. Die Unmöglichkeit des Schönheitsideals lässt sich eindrucksvoll am Beispiel eines Künstlers demonstrieren, der mittels eines 3-D-Druckers eine Barbie-Puppe mit realistischen amerikanischen Maßen drucken ließ. Die Puppe ist deutlich kleiner und hat deutlich kürzere Beine als die Original-Barbie und auch die Proportionen und die Gesichtszüge unterscheiden sich deutlich. Gerade Barbie ist neben beispielsweise Disney-Märchenverfilmungen eines der entscheidenden frühkindlichen Rollenvorbilder vor allem für junge Mädchen, die Ihnen die Wichtigkeit guten Aussehens vor Augen halten. Das wichtigste Kriterium z.B. für Schneewittchen und Dornröschen ist eben nicht der gute Charakter oder erzielte Erfolge, sondern einzig und allein das gute Aussehen, welches Ihnen zu einem Traumprinzen verhilft. Auch bei anderen weiblichen Disney-Figuren, der Belle aus Die Schöne und das Biest oder der Prinzessin Jasmin aus Aladin und die Wunderlampe oder Arielle der kleinen Meerjungfrau orientieren sich die Zeichner*innen am amerikanischen Schönheitsideal und vermitteln jungen Frauen, dass gutes Aussehen das wichtigste ist, um das gleich mitvermittelte Ziel, das Finden des Traumprinzen zu erreichen und in einer Familie mit klassischer Rollenteilung glücklich zu werden. So dient auch Barbie mit ihrem perfekten Äußeren, ihrem makellosen Freund Ken mit vollem Haar und ihrer kapitalistischen Traumwelt aus Sportwagen, Luxusvilla und zahlreichem Zubehör dazu, jungen Mädchen die amerikanische Lebensphilosophie des hübschen Mädchens zu vermitteln, dessen Ziel es in der Schule nicht etwa ist, durch gute Leistungen auf sich aufmerksam zu machen, sondern Miss Homecoming Queen zu werden und sich Mr. Homecoming zu zu angeln. Für die Mädchen, die dem Disney-Barbie-Alter entwachsen sind, füllen von den Medien als neue Vorbilder präsentierte Frauen wie Paris Hilton, Verona Pooth oder die Models aus Germanys Next Top Model die entstandene Lücke. Die Models in Germanys next Topmodel by Heidi Klum bekommen – ebenso wie die Zuschauer*innen – vermittelt, dass das Wichtigste sei, alles zu tun was die Kund*innen verlangen und man dank diesen unterwürfigen Verhaltens und guten Aussehens ein Foto bekomme. Sich als Frau zum „Trophy Wife“, sprich schmückendes Beiwerk eines reichen Gönners, angeln zu lassen und dank unterwürfigen Verhaltens und ununterbrochener Beschäftigung mit Sport und Diät und eventuellen kosmetischen Tricks und operativen Eingriffen die Schönheit und Jugend möglichst lange zu erhalten, werden auch hier wieder als erstrebenswertes Lebensziel propagiert.

Da dieses Idealbild durch Sport und Diät nie zu erreichen ist und bei vielen Menschen allein schon z.B. aufgrund einer zu geringen Körpergröße für immer verwehrt bleibt, leiden viele, die dem von den Medien propagierten Idealbild nacheifern, an Minderwertigkeitskomplexen, mangelndem Selbstbewusstsein, setzen falsche Prioritäten, leiden an Bulimie und/oder Anorexie oder lassen gefährliche kosmetische Eingriffe vornehmen. Ein Sprichwort sagt: “Der Körper ist der Tempel der Seele” und bereits die antiken Griechen wussten: „In einem gesunden Körper steckt auch ein gesunder Geist.“ Es ist also wichtig auf den eigenen Körper zu achten und ihn gesund zu halten. Doch auch schon die Griechen kannten die Extremform, er wird in der Form des „Narziss“ beschrieben. Wenn nämlich der Körper die wichtigste Rolle im Leben einnimmt und Ernährung und Sport nur noch (neben Schönheitsoperationen) Mittel zum Zweck sind oder sogar das Leben beherrschen und das eigene Aussehen zum alles beherrschenden Lebensmittelpunkt wird, dann wird der eigene Körper zur Religion und somit im wahrsten Sinne des Wortes zum Kult.

Foto: Leonhard Simon