Land statt Frust

landlust

Will die CSU ihr Bayern in Deutschland und der Welt präsentieren, greift sie immer wieder gerne auf den Slogan „Laptop und Lederhosen“ zurück. Tradition und Moderne – so wird suggeriert – seien im Freistaat so selbstverständlich wie, um im CSU-Jargon zu bleiben, Berlin und Schulden. „Der baJUware“, das Mitgliedermagazin der JU Bayern, formuliert es sogar noch ein bisschen direkter: „So sind und so sehen sich die Bayern nun mal: als etwas ganz Besonderes.” Etwas ganz Besonderes daran ist lediglich die hohe Nase, die wieder einmal zur Schau gestellt wird und den Blick auf den Boden der Tatsachen verhindert.

Fast 17 Jahre nachdem Roman Herzog als Bundespräsident diesen Spruch prägte, beschließt die Staatsregierung ein „Digitalisierungszentrum“zu schaffen. Ganze 17 Jahre danach ein halbherziger Versuch, „Leitregion des digitalen Aufbruchs“ zu werden. Konservatismus beweist sich wieder einmal als Politik der Verspätungen.
Gerade in Gebieten abseits der Ballungsräume sind diese Verfehlungen deutlich zu spüren. Schnelles Internet ist in vielen bayerischen Kommunen noch immer ein Fremdwort. Erst diesen Januar berichtet der Bayerische Rundfunk „Nach einer Studie im Auftrag der vbw [Vereinigung der bayerischen Wirtschaft] liegen derzeit noch gut 50 Prozent der bayerischen Industriearbeitsplätze in Regionen mit schlechter Breitbandversorgung. Und ein Viertel der befragten bayerischen Unternehmen geben an, dass sie Anwendungen nicht oder nur bedingt nutzen können, weil ihr Internetzugang zu langsam ist.“ Zwar werden von Heimatminister Söder großzügig flächendeckend 50 Mbit bis 2020 versprochen, doch wenn sich die transportierte Datenmenge so erhöht wie derzeit, reichen 2020 selbst 100 Mbit nicht, um den Bedarf zu decken. Das belegen abermals die Zahlen der durchaus konservativen vbw. Zum Vergleich: 2012 konnten lediglich acht Prozent der Haushalte mit 50 Mbit versorgt werden.
Abwanderung aus den unterversorgten Gebieten, gerade bei der jungen Bevölkerung, und stark zunehmende soziale Ungleichheit zwischen den Gemeinden sind nur wenige Folgen dieser Politik.

Doch junge Menschen und regionale Unternehmen leiden nicht nur unter fehlendem Breitbandausbau, sondern an einer insgesamt verfehlten Infrastrukturpolitik.
Zum einen sind hier marode Straßen und ein veraltetet Schienennetz zu nennen. Während sich jede*r Bürgermeister*in gerne vor einem neuen Abschnitt frisch asphaltierter Natur zeigt, modern tausende von Kilometer an bestehenden Straßen und Brücken vor sich hin – mit gefährlichen Folgen, nicht nur finanzieller Art. Der in Bayern exorbitante Flächenfraß wird willentlich gebilligt, Natur und ewig klamme Kommunen leiden. Verschlimmert wird diese Entwicklung durch eine immer stärkere Zunahme von sowohl Individualverkehr als auch Schwertransport. Schienenausbau und verstärkte Reaktivierung von kleinen Strecken könnten helfen, den Verkehr von der Straße auf die Schiene zu verlagern. Natur und auf öffentlichen Transport angewiesene Menschen – Schüler*innen, Student*innen, Niedriegverdiener*innen, aber auch Senior*innen – wären dankbar.

Doch es ist auch klar, dass die reine Umschichtung von Asphalt auf Eisen nicht die goldene Lösung ist. Dazu müssen mehr Ressourcen in die Entwicklung von intelligenten Verkehrssystemen gesteckt werden. Ein ausgebautes Car-Sharing System und mehr Ladestationen für Elektroautos sind der eigentliche digitale Aufbruch, der Bayern zu einem Vorreiter machen würde. Doch wir gehen noch weiter. Schon heute ist es möglich, Autos autonom fahren zu lassen. Gerade in wenig besiedelten Gebieten mit geringem Verkehrsaufkommen und zu geringen Potenzial für flächendeckenden ÖPNV füllt ein System von individueller und sicherer „Robot-Autos“ die notwendige Lücke. Sowohl junge Menschen, die das Land lieben und hier leben wollen, als auch ältere Menschen, bisher wenn überhaupt auf Verwandtschaft angewiesen, werden mobil wie nie unterwegs sein.

Auf dem Land zu wohnen muss nicht länger Frust bedeuten. Wenn CSU und Co. so weitermachen, ist allerdings für nichts zu garantieren…