Lieb doch, wen du willst

von Pippa & Franzi

Biphobie, die unbegründete Angst vor Menschen, die sowohl Männer, als auch Frauen, lieben und sich nicht auf ein Geschlecht festlegen, ist ein Phänomen, das vor allem im Zuge der Homosexuellenbewegung immer häufiger zutage getreten ist.

Dass es Männer gibt, die Frauen lieben, oder Frauen, die Männer lieben, dürfte spätestens seit Genesis den meisten bekannt sein. Dass es auch Männer gibt, die Männer lieben, oder Frauen, die Frauen lieben, ist sogar mittlerweile in Bayern angekommen. Dass aber ein Mann Männer und Frauen lieben kann, und eine Frau sowohl Frauen, als auch Männer, scheint für einen großen Teil der Bevölkerung unvorstellbar.
Am 23. September wurde auch in diesem Jahr wieder der „Bi Visibility Day“ gefeiert, an dem, ähnlich wie es beim Christopher Street Day (CSD) Homosexuelle tun, bisexuelle Menschen öffentlich auf ihre sexuelle Ausrichtung aufmerksam gemacht haben und erneut eine Diskussion darüber entfacht haben. Ist es denn wirklich nötig, zusätzlich zum Christopher Street Day eigens einen Tag zu haben, an dem speziell auf Bisexualität aufmerksam gemacht wird? Im Grunde haben sie doch beide denselben Zweck, oder etwa nicht?

?Respekt vor Kulturen
(Foto: Leo Simon)

Gerade bisexuelle Menschen haben noch mindestens genauso häufig mit Anfeindungen und Diskriminierungen zu kämpfen wie Homosexuelle, da gerade Jugendlichen und jungen Erwachsenen vorgehalten wird, sie hätten sich nur noch nicht entschieden und das sei nur so eine Phase, die sich bald verwachsen werde.
Die Gründe für diese Biphobie sind vielfältig und ähneln dennoch teilweise denen der Homophobie. Doch auch von Seiten der Homosexuellen haben Bisexuelle mit Offensiven zu rechnen, denn zumindest ein kleiner Teil denunziert Bisexualität als Hirngespinst.
Ein häufiges Argument ist, Bisexuelle seien eigentlich in ihrem tiefsten Inneren homosexuell, wollten dies aber nicht zugeben. Dies komme zum Einen daher, dass sie sich, vor allem im jungen Alter, noch nicht trauen, vollständig als “vom anderen Ufer” zu outen und deshalb sei Bisexualität als Mittel zum Zweck ganz recht, um so das Outing zu verzögern und schließlich zu vereinfachen, da nur noch ein letzter Schritt fehlt. Darin wird ein weiteres, von Gegner*innen der Bisexualität gern genutztes Argument deutlich: da sich diese „Halb-Homosexuellen” noch nicht vollkommen von der Heteronormativität verabschiedet haben sollen, wird ihnen unterstellt, sie wollen solange weiterhin das heterosexuelle Leben aufrecht erhalten und dessen Privilegien ausnutzen – oder auch: gesellschaftliche Akzeptanz genießen.
Doch wie sehr werden Bisexuelle innerhalb der restlichen, nicht-homosexuellen Gesellschaft eigentlich akzeptiert?
Anscheinend ist es wirklich nötig, für Bisexualität einen eigenen Tag zu haben, um über mediale Aufmerksamkeit zu verfügen, denn die Akzeptanz dafür ist unheimlich gering. Wie beim homosexuellen Widerpart scheinen sich auch bei den nicht-homosexuellen Menschen die Gründe für Homo- und Biphobie auf den ersten Blick kaum zu unterscheiden, denn viele Heterosexuelle haben grundsätzlich Angst, dass die eigene sexuelle Orientierung so in Frage gestellt werden könnte. Dass dies absoluter Quatsch ist, brauchen wir kaum zu erwähnen… Doch ein großer Teil der Bevölkerung kann sich im Grunde zuerst mal gar nichts unter „Bisexualität” vorstellen, da diese häufig versteckt, wenn nicht sogar unsichtbar ist. Denn wenn eine Frau einen Mann liebt, wird sie als heterosexuell angesehen, wenn sie aber eine Frau liebt, als homosexuell. Dass sich diese Frau aber weder nur auf Männer, noch nur auf Frauen festlegt, sondern beide Geschlechter anziehend findet, scheint vielen gar nicht bewusst zu sein. Diese Unsichtbarkeit führt unter Umständen sogar soweit, dass Bisexuelle aus queeren Bereichen ausgeschlossen werden. So wurden beispielsweise in der sogenannten Gay Liberation Front nach einigen Jahren bisexuelle Leute ausgeschlossen, da sie sich entweder für Heterosexualität oder Homosexualität entscheiden mussten.
Was wir brauchen ist grundsätzlich natürlich eine offenere Gesellschaft. Der Weg dorthin ist zwar steinig, aber auf keinen Fall unmöglich! Wichtig ist eine Öffnung der homosexuellen Szene verbunden mit einer Auseinandersetzung zur Diskriminierung Bisexueller. Dafür ist es wichtig, dass Bisexualität sichtbar gemacht wird; sowohl in den Medien, als auch in der Politik und der Öffentlichkeit sollen mehr Möglichkeiten zum Informationsaustausch und zur Darstellung dieser Art zu lieben angeboten werden. Es reicht nicht, Homosexualität zu thematisieren und andere sexuelle Orientierungen unter den Tisch zu kehren und so die Diffamierung Bisexueller zu vergrößern. Wir wollen Bisexualität als eigenständiges Thema in Studien und Forschungen und nicht nur als lästige kleine Schwester (Anhängsel) der Homosexualität betrachtet haben!

Gut zwei Monate nachdem Whistleblower Manning in einem öffentlichen Statement bekannt werden ließ, biologisch zwar männlich zu sein, sich aber als Frau fühle und von nun an “Chelsea” genannt werden möchte, wird in der deutschsprachigen Wikipedia immer noch von einem Bradley Manning geschrieben, der nun für seine Zusammenarbeit mit WikiLeaks mit 35 Jahren Haft bestraft wurde. Selbst auf Mannings ausdrücklichen Wunsch, weibliche Pronomina zu benutzen, ist noch immer häufiger von einem Mann als von einer Frau zu lesen. Ganz neu ist diese Problematik aber nicht, das Gefühl, das “falsche” Geschlecht zu haben, teilen weltweit mehrere Millionen Menschen. Früher oder später entwickelt sich bei ihnen immer stärker eine Ablehnung des eigenen, biologischen Geschlechts. Häufig führt dies zu starken Depressionen, Suizidgedanken und einem Rückzug aus der sozialen Umgebung (Umfeld?). Viele Transidente sehnen sich danach, als Mensch des anderen Geschlechts anerkannt und als solcher gesehen zu werden, deshalb versuchen sie häufig, sich äußerlich diesen geschlechtstypischen Attributen anzupassen. Mittlerweile ist es auch möglich, mithilfe einer Hormontherapie eine Angleichung an sekundäre Geschlechtsmerkmale durchzuführen und die primären durch operative Eingriffe zu verändern. Doch der Weg dorthin ist sehr oft mit großen Problemen verbunden. Nicht nur die eigenen Selbstzweifel, sondern auch die Reaktionen der Mitmenschen sind dafür verantwortlich, dass viele Transidente professionelle Hilfe oder psychotherapeutische Beratung suchen. Allein schon, dass die Internationale statistische Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme (ICD-10) Transsexualität als Geisteskrankheit bezeichnet, zeigt eine sehr geringe Auseinandersetzung mit diesem Thema. Viele sind außerdem doppelt Diskriminierungen ausgesetzt, wenn sie sich zunächst als homosexuell outen und erst später über ihre Transsexualität. Es gibt natürlich dennoch auch heterosexuelle Transidenten.
Doch selbst nach Outing und evlt. geschlechtsangleichender Operation hören die Missstände nicht auf: für viele ist ein wichtiger Schritt hin zum Leben mit dem richtigen Geschlecht eine Namensänderung. Diese kann aber erst dann geschehen, wenn zwei unabhängige Gutachter*innen bestätigt haben, dass eine Identifizierung mit dem anderen Geschlecht seit mindestens drei Jahren erfolgt. Bis diese Begutachtung schließlich abgeschlossen ist, ist nicht selten ein Jahr vergangen. Auch eine Personenstandsänderung wird von vielen Transidenten angestrebt, damit in allen wichtigen Papieren, beispielsweise der Geburtsurkunde, nicht mehr das biologische, sondern das soziale Geschlecht vermerkt ist. Doch für diese Änderung muss ein operativer Eingriff zur Angleichung der Geschlechtsmerkmale erfolgt sein, was einen erheblichen Eingriff in die persönliche Freiheit darstellt. Nicht jede*r Transidente möchte eine Operation, auch aus dem Grund, dass diese nicht ungefährlich ist und es wenig darauf spezialisierte Ärzt*innen gibt.
Hoffentlich erlangt Transsexualität in der nächsten Zeit mehr mediale Präsenz, gerne auch in Bezug auf Chelsea Manning, die wohl erst nach Ende der Haftstrafe mit der Hormontherapie beginnen darf. Vielleicht hat bis dahin auch der deutsche Wikipedia-Eintrag dem angloamerikanischen Vorbild nachgezogen und Chelsea das weibliche Geschlecht zugestanden. Nach all dem, was sie durchmachen musste, muss und müssen wird, ist ihr das ja wohl zu gönnen.