Migrant*innen in schwarzrotgold? – Warum ein deutscher Einheitsbrei abzulehnen ist

von Jana, Lorenz, Til und Verena

Nicht nur in den Köpfen vieler Menschen, sondern auch in den Medien wird zunehmend Folgendes als gelungene Integration von “Ausländer*innen” angesehen: Während der Weltmeisterschaft lädt die Dönerbude von nebenan, geschmückt in Schwarzrotgold zum Fußballschauen und Abfeiern der neuen, besseren, deutschen Identität. “Am Anfang gibts das Deutschlandlied und nationales Fieber”, um mit Frittenbude zu sprechen. Diese Migrant*innen haben es geschafft: sie sind angekommen in Deutschland und mitten im Herzen der Mehrheitsgesellschaft gelandet. Bei ihnen hat die Integration funktioniert. Doch sollte Zusammenleben von Menschen verschiedener Herkunft tatsächlich so aussehen? Ist es das Ziel von deutscher Integration, jede*n Migrant*in “deutsch” zu machen? Und wenn ja, was heißt das überhaupt?

Ja, für viele Menschen sollte Migration, wenn sie denn überhaupt sein muss, genau so aussehen.
In dieses Bild passt ein Pseudowissenschaftler wie Sarrazin natürlich sehr gut. Er hat es geschafft, die Floskel “Man wird ja wohl noch sagen dürfen…” salonfähig zu machen. Was folgt ist ein inszenierter Tabubruch, der dabei doch nur Rassismus als legitime Meinung verkaufen will. Wie oft hören wir diesen Satzanfang in politischen Debatten und wie oft ärgern wir uns darüber?
Diese Floskel lässt verschiedene Rückschlüsse zu, sowohl auf die Menschen, die sie gebrauchen, als auch auf die gesellschaftliche Situation, von der sie ausgehen.
Sie suggeriert, in unserer Gesellschaft gebe es gewisse Punkte, die nicht angesprochen werden dürfen. Inoffizielle Regeln also, die Verhalten und Aussagen einschränken.
Wenn man von dieser Situation ausgeht, ist es durchaus nachvollziehbar, dass das offene Formulieren von alltagsrassistischen Aussagen als eine Art Befreiungsschlag angesehen wird und wirken kann. Endlich traut sich mal jemand, die Probleme offen auf den Tisch zu legen. Endlich macht jemand mal den Mund auf.
Der “feige deutsche Spießer” kann sich an populistischen und rassistischen Aussagen anderer umso mehr erfreuen, wenn er selbigen den Zusatz des Bahnbrechenden zuschreibt und im Anschluss daran sich auch endlich selber trauen kann, “die Wahrheit” regelrecht herauszubrüllen.
Deutsche Verhältnisse eben.
Sachliche Debatten werden dadurch unmöglich, dass Themen emotional diskutiert und konstruktive Verbesserungsvorschläge durch Parolen, wie “Kriminelle Ausländer/Integrationsverweigerer raus” oder “Das Boot ist voll” überdeckt werden.

Viele von euch haben am letzten Landesjugendkongress (LJK) in Landshut zum Thema “Vielfalt statt Integration – Du bist wichtiger, als Deutschland” teilgenommen, Workshops besucht, Anträge gestellt, viel diskutiert, sich an der Aktion “Kein Fuß breit dem Faschismus” beteiligt und zusammen gefeiert.
Wie auch schon in den letzten Ausgaben der Brennstoff, ist das Thema des vergangenen LJKs auch das Titelthema der nächsten Mitgliederzeitschrift.

In diesem Artikel wollen wir versuchen, erneut auf den Inhalt des Leitantrags einzugehen bzw. diesen zu vertiefen. Wir erheben jedoch keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

Um den Begriff “Integration” und das, was er beschreibt, kritisieren zu können, müssen als erstes die ihm zugrunde liegenden Konstrukte wie Mehrheitsgesellschaft, Volk, Heimat und Kultur überdacht werden. Während sich Rassismus früher meist über die Abgrenzung von Rassen definierte, geschieht dies heute zunehmend unter dem Deckmantel der “Kulturverschiedenheit”. Hierbei werden Menschen in verschiedenen Teilen der Erde bestimmte Eigenschaften und Denkweisen zugesprochen, also stark pauschalisiert, in diesem Falle kulturalisiert. Dies äußert sich beispielsweise in Sätzen wie “Die ist immer so locker drauf, weil sie halt Italienerin ist. Das gehört einfach zur südländischen Kultur.”, in denen Verhaltensweisen einer vermeintlichen Mehrheitsgesellschaft der Gesamtbevölkerung einer Region oder Nation zugesprochen werden. Diesen aufgezwungenen Kulturzuschreibungen können die Angesprochenen nicht entfliehen. Sie werden abgestempelt.

Folglich betrachtet man Menschen nicht mehr als Individuen, sondern als Mitglieder einer konstruierten Gruppe.
Viele denken an dieser Stelle, dass Vorurteile doch nicht problematisch sind, weil ja jeder*r weiß, dass sie – wenn überhaupt – nur teilweise der Wahrheit entsprechen.
Doch auch wenn solche Zuschreibungen auf den ersten Blick den Kontakt zu unbekannten Menschen vereinfachen, bergen sie zahlreiche Probleme.
Menschen in Schubladen zu stecken, ist in jeder Hinsicht falsch. Gerade Menschen mit emanzipatorischem Anspruch sollten in jeder Situation das Ziel verfolgen, so differenziert wie möglich zu handeln.
Denn Vorurteile und Klischees werden häufig als Mittel zur Abgrenzung genutzt. Einen besonders fatalen Charakter bekommen sie, wenn sie an nationalstaatliches Denken gekoppelt werden.

Werfen wir hierzu einen Blick auf das Konstrukt “Nation”: Hierbei handelt es sich um Gebiete, die vermeintlich ein Volk beheimaten und sich somit von anderen Gebieten, also anderen Nationen, unterscheiden. Den auf diesem Gebiet lebenden Menschen werden eine gemeinsame Sprache, Geschichte und mitunter eben auch Mentalität zugesprochen. Doch schon bei einer scheinbar eindeutigen Sache wie Sprache (“In Deutschland spricht mensch deutsch.”) gibt es Schwierigkeiten. Dabei denke man nicht nur an die dänische Minderheit in Norddeutschland, sondern auch an den wachsenden türkischssprachigen Bevölkerungsanteil in der gesamten Bundesrepublik. Doch selbst wenn die gleiche Sprache gesprochen wird, hat bei genauem Hinschauen bis auf das Prädikat “deutsch” im Personalausweis ein in Garmisch-Partenkirchen lebender Mensch kaum etwas mit dem aus Flensburg zu tun.
Nicht umsonst gibt es die Redewendung von Nationen als nur “vorgestellten Gemeinschaften”. Auf allen Ebenen werden dabei Eigenschaften herbeigeredet, die alle gemeinsam haben sollen. Selbst vor Körper und Geist des*der Einzelnen macht dieser Gedanke nicht halt. Die Konstruktion des Volkes erinnert unangenehm an überwunden geglaubte Vorstellungen menschlicher Rassen, die dann auch unterschiedliche Mentalitäten haben. Ein Volk ist dabei eine große Personengruppe gleicher Abstammung – darin schwingen Gedanken an einheitliche Hautfarbe und andere Äußerlichkeiten mit. Volkszugehörigkeit ist also, grob gesprochen, nichts anderes, als Rassenzugehörigkeit. Doch die Existenz von unterschiedlichen menschlichen Rassen ist nicht nur wissenschaftlich widerlegt, sie ist vielmehr als rassistisches und falsches Konstrukt aufgedeckt worden. Genetische Unterschiede sind innerhalb von vermeintlichen Rassen genauso groß wie zwischen ihnen – dennoch ist die Vorstellung von unterschiedlichen Rassen noch heute verbreitet. Warum also? Nicht, weil sie wahr ist, sondern weil daran zu glauben Rassismus, Kolonialismus und Überlegenheitsgefühle legitimiert.
Die Vorstellung eines “deutschen Volkes” durchzieht deshalb die öffentliche Debatte und die Vorstellung vieler Menschen. Der Gedanke dass jede*r einem – und nur einem – Volk zugehörig ist verhindert also schon auf gedanklicher, unsichtbarer Ebene die gesellschaftliche Akzeptanz von Menschen, die als nicht zum Volk zugehörig gesehen werden. Eine in Ghana geborene, schwarze Person kann in diesem Gedankenmodell nicht zum deutschen Volk gehören – wie soll sie dann je gesellschaftliche Teilhabe erreichen, wenn sie immer als anders und als nicht dazugehörend gedacht wird? Umgekehrt sind Nachfahren von Menschen, die in Deutschland gewohnt haben, Teil des deutschen Volkes, selbst wenn sie keine Verbindung mehr zu diesem Land haben.
Nicht zum ersten Mal verursacht in heutigen Debatten um Migration der Gedanke eines deutschen Volkes Probleme. Massiv benutzt wurde der Begriff durch die Nationalsozialist*innen – hier sind die Konsequenzen völkischen Denkens in seiner erschreckensten Form zu beobachten. Rassen und deren Unterschiede zu konstruieren war eine der gedanklichen Legitimationen der Shoah. Leider beeinflussten diese Gedanken die öffentliche Debatte noch heute – gerade in Deutschland ist die Vorstellung eines durch Blut und Herkunft verbundenen Volkes stark verbreitet. Der 1916 am Reichstag angebrachte Schriftzug “Dem deutschen Volke” ist noch heute dort zu lesen und vielen bekannt. Die Anbringung eines Kunstwerks mit dem Schriftzug “Der Bevölkerung” im Innenhof des Reichstages wurde nur mit knapper Mehrheit und haarsträubenden Gegenargumenten gebilligt.
Wenn es nun also gar kein “Deutschsein” gibt, in was soll sich ein*e Migrant*in dann integrieren? Der politische Kabarettist Marc-Uwe Kling parodiert das in seinen Känguru-Chroniken, indem er zwei türkischstämmigen Migranten die Namen Friedrich-Wilhelm und Otto-Von gibt. Denn so soll Integration scheinbar funktionieren: Menschen sollen sich am besten aneignen, die Vorurteile ihres neuen Wohnorts zu erfüllen, denn das ist ja die Leitkultur, die in einer Nation herrscht. Ein weiteres Szenario, wie Integration aussehen sollte, verlangt von Migrant*innen “aus anderen Kulturkreisen” die Bekenntnis zu den Werten unseres ach so tollen deutschen Grundgesetzes. Übersehen wird dabei jedoch, dass Menschen- und Grundrechte kein deutsches Produkt sind. Sie sind ebenso in der Menschenrechtscharta der Vereinten Nationen niedergeschrieben, die universal für jeden Menschen gilt. Die verlangte Bekenntnis zum deutschen Grundgesetz ist also ein Scheinargument.
Na gut…dann sollen “die” aber doch wenigstens deutsch lernen, oder?

Die gemeinsame, deutsche Sprache, die alle zu sprechen haben, wenn sie deutsch sein wollen, war ein wichtiger Diskussionspunkt des LJKs. Die oft polemisch getätigte Aussage, dass Migrant*innen doch gar kein deutsch lernen wollen, verkennt dabei die Realität. Doch abgesehen von den praktischen Vorteilen des Verstehens der Alltagssprache: Wieso nehmen wir es als gegeben hin, dass die Menschen in Deutschland deutsch zu sprechen haben? Und welches deutsch ist damit überhaupt gemeint? Provokant gefragt: Wieso fordert niemand Deutschkurse für “niederbayerische Hinterwäldler*innen”, die aufgrund ihres schwer zu verstehenden Dialektes ebenfalls Gefahr laufen, eine Parallelgesellschaft zu bilden? Wieso sollte Sprache an Staatsgebiet geknüpft sein?
Grundsätzlich hat jeder Mensch das Recht, in der persönlich bevorzugten Sprache zu kommunizieren.

Und wenn das aufgrund von Lernschwierigkeiten oder nicht gegebenen Möglichkeiten nicht deutsch ist, dann eben Türkisch, Swahli oder Paschtu. Staat und Gesellschaft müssen dem entgegenkommen.
Schließlich ist es nicht allzu aufwendig, behördliche Dokumente in diversen Sprachen zur Verfügung zu stellen.
Und was auf der Straße gesprochen wird, kann doch der Politik egal sein!
Sprache kann sehr schnell zu Diskriminierung führen oder als Unterdrückungsmechanismus missbraucht werden. Menschen, die der Landessprache nicht mächtig sind, werden schnell Opfer von rassistischen Beschimpfungen und Angriffen. Hier, und eben nicht in dem Aufzwingen des Erlernens einer Sprache, liegt der Aufgabenbereich der Politik. Schutz vor Diskriminierung muss an erster Stelle stehen, nicht der Kampf gegen vermeintliche Überfremdung.

Alles in allem sollte mit dem Integrationsbegriff also äußerst vorsichtig umgegangen werden. Besonders, da er in der gängigen Debatte häufig nur ein seriöser Deckmantel für die Forderung nach Assimilation ist.
Wir wollen bedingungslose, globale Bewegungsfreiheit für alle Menschen. Wir wollen, dass Menschen, die nach Deutschland kommen, nicht gezwungen sind, sich irgendetwas oder irgendwem anzupassen. Ganz besonders wollen wir auch keine Unterteilung in gute und böse Einwanderung, welche oft vor dem Hintergrund des “Fachkräftemangels” betrieben wird.
Die sogenannte Blue Card ist die Umsetzung dieser Denkweise auf EU-Ebene. Hierbei sollen gut ausgebildete Menschen aus Drittstaaten (d.h. Nicht-EU-Staaten) eine befristete Aufenthaltserlaubnis von maximal vier Jahren erhalten, jedoch lediglich, um hier einer Erwerbsarbeit nachzugehen. Durch dieses Vorgehen werden Menschen auf ihre Arbeitskraft reduziert und nur aus wirtschaftspolitischer Sicht betrachtet. Für uns ist das der absolut falsche Weg, mit Migration umzugehen. Jeder Mensch sollte das Recht haben, zu migrieren, unabhängig von Herkunft, Religion und Berufsausbildung.

Wir hoffen, euch mit diesem Artikel anzuregen, eigene Vorurteile zu reflektieren und Gewohntes zu hinterfragen. Denn nur so kann Sarrazin und anderen verdeckten oder offenen Rassist*innen der Nährboden für ihre rassistischen Thesen entzogen werden.