Musljumowo

Franzi Mack

1.370.000 Suchergebnisse für Tschernobyl, 34.000.000 Suchergebnisse für Fukushima und 1.770 Suchergebnisse für Musljumowo. Drei Gebiete, gemeinsam haben sie eins: Atomkatastrophen.

Musljumowo, ein trister Ort im Südwesten Russlands. Musljumowo, Heimat von rund 2000 Menschen, deren Tage gezählt sind. Und nochmal Musljumowo, wo möglicherweise nie wieder Leben möglich ist. Das Chemie-und Waffenkombinat in Majak, unweit des kleinen Dorfes Musljumowo, war ab 1947 eines der wichtigsten für Stalin. Als er von sowjetischen Spionen die Pläne für amerikanische Kernwaffen bekam, wurde die kerntechnische Anlage mit Hilfe von 30.000 – 40.000 – nach einigen Berichten sogar über 70.000 – Gulaghäftlingen errichtet. Das Ziel: die erste sowjetische Atombombe für die entscheidende Wende im Zweiten Weltkrieg. In unmittelbarer Nähe fließt die Tetscha, ein Fluss, der für die Wasserversorgung von mehr als 40 Dörfern notwendig war. Da damals noch sehr wenig über die Folgen von Kernwaffen bekannt war, entschied man sich, den „Standortfaktoren Tetscha“ auszunutzen und dort die Strontium-, Plutonium- und Cäsium-Reste zu entsorgen. Fast zehn Jahre lang gelangten tagtäglich höchstradioaktive Substanzen in das Wasser, das tausenden von Menschen als Lebensgrundlage diente.

Aufgrund der sowjetischen Geheimhaltungstaktik wussten weder sie, noch die restliche Bevölkerung, was in Majak passierte. Aus Sicherheitsgründen ließ Stalin eigens eine kleine Stadt errichten, in der Häftlinge, Mitarbeiter*innen und deren Familien lebten. Es funktionierte; knapp 10 Jahre lang konnte in Majak ungehindert an Kernwaffen geforscht und experimentiert werden. Wie viele Menschen dabei ums Leben kamen, ist unbekannt. Erst 1957 kam es zur Kyschtym-Explosion, dem drittschwersten Atomunglück der Geschichte: mehr als 20.000 Quadratkilometer, in denen über 250.000 Menschen lebten, wurden von der radioaktiven Wolke verseucht. Bewohner*innen bezeichneten diese als „leuchtenden Schein“ und wussten lange nicht, dass das, was aus dieser Wolke auf sie herabgeregnet ist, Plutonium und Strontium waren. Die Regierung machte auch keine Anstalten, dies zu ändern und lies bekanntwerden, die Menschen wären Zeug*innen des ersten Polarlichts in der Sowjetunion geworden. Dennoch ließ man 200 Dörfer mit fadenscheinigen Begründungen evakuieren. Die restlichen dienten Forschungszwecken und bekamen eine Entschädigung für die Unannehmlichkeiten angeboten. Als immer mehr Menschen an Krebs erkrankten, wurde ihnen schließlich erklärt, der Fluss sei atomar und man solle nicht mehr darin baden oder daraus trinken. Doch bis heute hat sich wenig geändert. Die Leute in Musljumowo warten immer noch auf eine Umsiedlung und fühlen sich von der Regierung im Stich gelassen. Sie trinken aus dem kontaminierten Wasser der Tetscha, da sie keinen Trinkwasseranschluss haben, baden darin und die Tiere fressen vom strahlenbelasteten Boden. Nach wie vor werden sie untersucht und durchleuchtet; helfen kann ihnen aber niemand. Es ist ein tristes Leben, das die Menschen dort führen. Strahlentod gehört mittlerweile zum Alltag, auch die Kinder haben sich daran gewöhnt. Sie wissen, dass sie verseucht wurden und die Folgen sind ihnen klar; einen Ausweg gibt es aber nicht.

Es ist immer noch schwer, etwas über die Geschehnisse in und um Majak herauszufinden. Die russische Regierung äußert sich nicht dazu, und lediglich Umweltschützer*innen berichten in unregelmäßigen Abständen über die dortige Situation.