Somos todas prostitutas

von Jenny Beyer

Berufstätigkeit an sich ist ein Zwang. Ein vielfach durch das System propagierter. Erniedrigende Elemente finden sich dabei an vielerlei Arbeitsplätzen. Schon allein hierarchische Strukturen können Menschen in eine Rolle zwingen, die ihnen nicht liegt. Wenn ich jetzt – als Veganerin- bei McDonald hinter Kasse stehen müsste, hätte ich wahrscheinlich nach keinen zwei Tagen einen Nervenzusammenbruch mit dazugehöriger Identitätskrise. Trotzdem gibt es vielleicht Menschen, die der Arbeit dort etwas abgewinnen können (Wenn sie nicht unbedingt Gewerkschafter_Innen sind). Und so gibt es auch Arbeitnehmer_Innen, die sich freiwillig für das Berufsbild Prostitution entschieden haben, und nun für soziale und rechtliche Gleichstellung kämpfen. Ein großer Schritt in die richtige Richtung war das 2001 verabschiedete ProstG, dass die Sexarbeit jeder anderen Erwerbstätigkeit gleichstellt. Diese sollte ein Weg zur Entkriminalisierung und Entstigmatisierung der Sparte sein und die Beschäftigten in die Strukturen von Steuern, Sozialversicherungen etc. einordnen. Trotzdem erleben wir immer noch Diskriminierung durch den Gesetzgeber. Das größte Thema – an dieser Stelle ignorieren wir die bürgerliche Kategorie des Anstandes – in diesem Kontext ist wohl das des Frauenhandels. Leider gibt es keine Zahlen, wie viele Menschen sich tatsächlich in der Zwangsprostitution befinden.


Im aktuellen Gesetzestext wird der “Menschenhandel zum Zweck der sexuellen Ausbeutung” aber mit der eigentlichen Prostitution verwischt, wenn davon gesprochen wird, dass schon “wer eine andere Person unter Ausnutzung einer Zwangslage (…) zur Aufnahme oder Fortsetzung der Prostitution (..) bringt” (§232 StGB) eine Freiheitsstrafe riskiert. Und das obwohl der “Menschenhandel zum Zweck der Ausbeutung der Arbeitskraft” schon an anderer Stelle geregelt ist. Eine einzige Strafnorm sollte ausreichen, müsste mensch denken. Dazu kommt die Frage, was ist eine Zwangslage? Wenn ich ins Ausland verschleppt werde und sich andere meinen Pass aneignen? Oder reicht es schon, wenn ich die Raten für mein Auto (natürlich mit Hybridantrieb und Solarzellen) nicht zahlen kann?
Des weiteren wird klar gestellt, dass die “Zwangslage oder Hilflosigkeit” bei Personen unter 21 Jahren nicht gegeben sein muss, um die “Förderung der Prostitution”, also so etwas banales wie ein Bett zur Verfügung stellen und Kondome rauslegen, illegal zu machen. Das Resultat ist, dass dieser verletzlichen Gruppe der Zugang zu den Indoor-Arbeitsplätzen erschwert wird, was sie auf den gefährlichen Straßenstrich führt. Eine komische Verfahrensweise, die natürlich ausschließlich zum Schutz dient, und überhaupt keine repressiven Züge hat. Letztendlich sollen Sexarbeiter_Innen “rechtlich abgesichert und unter angemessenen Bedingungen freiwillig im Rahmen eines Beschäftigungsverhältnisses in Bordellen oder auch selbständig tätig sein können.”(Bundestagsdrucksache 14/5958)

Trotzdem wird aber weiterhin gegen das Gewerbe verfahren:
Ein Beispiel das Sperrgebiet, welches sich in jeder größeren Stadt findet. “In Nürnberg befindet sich das Sperrgebiet in der Innenstadt, während es in Fürth genau umgekehrt ist. Das ist absolut willkürlich“ , erklärt mir eine Mitarbeiterin des örtlichen Kassandra e.V. einer Beratungsstelle für Prostituierte.
Die Folge ist die künstliche Verknappung von legalen Arbeitsmöglichkeiten, was wiederum die wirtschaftliche Ausbeutung durch Monopolisierung von Prostitiutionsbetrieben fördert und außerdem die Abdrängung in abgelegene Gebiete, in denen es vermehrt zu kriminellen Übergriffen kommt. Begründung ist der öffentliche Anstand und Jugendschutz. Erst neulich wurde ich Zeugin, wie ein Bekannter euphorisiert das neue Grand Theft Autos 5 spielte. An einer Stelle ließ er seinen Avatar ein Bordell besuchen und anschließend die entsprechende Sexarbeiterin umbringen. Begründung: „So bekomm ich meine Kohle wieder.“ Die Feinheiten der Medienlandschaft scheinen weniger anstößig zu sein, als das ehrliche Angebot der Sexualität. Ähnliche Gründe hat auch ein Werbeverbot für die gesamte Berufssparte, welches sich mit dem ProstG widerspricht: Gewerbetreibende haben das Recht, ihre Dienstleistung zu bewerben. Damit ist die Sexarbeit im kapitalistischen Konkurrenzkampf klar benachteiligt worden.
Interessant ist auch der §181a, der Freiheitsstrafen für einen Menschen regelt, der des “Vermögensvorteils wegen eine andere Person bei der Ausübung der Prostitution überwacht, Ort, Zeit, (…) bestimmt”. Außerdem kriminell: “Vermittlung des Verkehrs”. Unpraktisch nur, dass dies alles notwendige Handlungen für den Sexbetrieb sind. Das die Arbeitgeber_Innen in Bordellen über Ort und Zeit Bescheid wissen, um für die Sicherheit ihrer Angestellten zu sorgen. Ohne Vermittlung gibt es keine Kunden (Bewusst nicht gegendert, so etwas wie eine Freierin ist eine Rarität.). Und der “Vermögensvorteil” ist ja wohl der Antrieb für jede Arbeit. Für den Staat heißt das aber noch “Zuhälterei”.
Wenn wir uns detaillierter mit der Ware Sex auseinandersetzen, werden Fragenstellungen aufkommen, wie: Ist das jetzt eine Unterwerfung unter das Patriarchat oder ist das noch selbstbewusste Sexualität? Oder: Wird hier die Frau immer weiter zum sexualisierten Objekt?
Der Hacken an der Sache: All das wären keine Problematiken, die Sexarbeit erschafft, sondern im Gegenteil, die Sexarbeit ist auch nur ein Symptom einer garantiert nicht idealen Gesellschaft. Es ist nicht die Schuld der Sexworker_Innen, dass eine Nachfrage nach ihrer Dienstleistung besteht. Wie auch immer mensch individuell über Prostitution denkt, die sexuelle Selbstbestimmung und allgemeine Mündigkeit für sich selbst zu handeln darf niemandem abgesprochen werden. Unsere Aufgabe ist es diese zu schützen.