Umstrittenes Thema „Integration“

ein Gastbeitrag von Ferdinand Hinke

Mit großem Interesse habe ich in der Brennstoffausgabe Nr. 1/2012 den Artikel von Jana, Lorenz, Till und Verena über das in der Tat umstrittene Thema „Integration“ gelesen, zu dem ich an dieser Stelle jedoch einiges zu bedenken geben möchte.
Wahrlich, in der Integrationsdebatte werden immer wieder weit überzogene Anforderungen gestellt, und es gibt in unserer Gesellschaft bis heute viel Xenophobie und Rassismus unter der Hand. Ein sehr unschöner Fall ist das Buch von Thilo Sarrazin, besonders weil jener darin Bildungs- und Leistungsdefizite mancher MigrantInnen auf genetisch bedingte Mängel an Intelligenz oder Fleiß zurückführt.
Diese Thesen sind absolut falsch, darüber sind wir von der Grünen Jugend uns ja auch alle einig!

Allerdings halte ich es für falsch, das Wort „Integration“ derart ins Negative zu ziehen.


Man kann auch von „Integration“ sprechen, ohne dass die sich Integrierenden ihre Muttersprache aufgeben, sich nur noch so kleiden wie die Nachbarn in der neuen Heimat, für die Fußballnationalmannschaft der neuen Heimat jubeln (auch wenn dies nicht automatisch negativ ist, wenn manche EinwandererInnen es freiwillig tun), nur noch Einheitskost aus der neuen Heimat essen, oder gar ihre traditionelle Religion aufzugeben usw., kurz: ohne dass sie ihre persönlichen und kulturellen Wurzeln verlieren.
Wohl aber ist es notwendig, die Landessprache der neuen Heimat zu verstehen und die Gesetze, die in der neuen Heimat gelten, zu respektieren. Diese beiden Notwendigkeiten haben sehr wohl ihre guten Gründe, die ich hier kurz darlegen möchte.
Zur Sprache: Sollte ich z.B. nach Madrid ziehen, so glaube ich, dass es mit sehr schwer fiele, dort eine gut bezahlte Arbeit und neue Freunde zu finden, ohne Spanisch zu verstehen. Das Sprachverständnis liegt in meinem eigenen Interesse. Natürlich könnte der spanische Staat auf seinen Ämtern auch deutschsprachige Formulare auslegen, ähnlich macht es ja unter anderem auch der irische Staat. Dort liegen auf den (meisten) Ämtern englisch- und irischsprachige Formulare aus und alle Straßenschilder sind zweisprachig. Nur: ist, was bei zwei Landessprachen möglich ist, auch bei zig verschiedenen Sprachen möglich? Wohl eher nicht, das würde eher die Bürokratie ins Unermessliche treiben.
Gerne können DolmetscherInnen und ZuwanderInnen bei deren ersten Behördengängen auf den Ämtern unterstützen, mittelfristig aber sollte man als ZuwanderIn doch lernen, die Sprache des neuen Heimatlandes zu verstehen und zu sprechen. Sicherlich wäre es den meisten der MitgliederInnen der Grünen Jugend selber etwas peinlich, im Falle eines Umzugs nach Madrid bei Behördengängen jedes Mal um neue deutschsprachige Unterlagen bitten zu müssen.
Das Verständnis einer Landessprache ist zudem eine zentrale Voraussetzung für das Knüpfen von Kontakten in jenem Land. Mit einer Person, von der man weiß, dass sie eineN unmöglich verstehen kann, fängt man eher selten überhaupt ein Gespräch an. Aber nur durch Dialog ist es möglich, sich gegenseitig kennenzulernen, gemeinsame Interessen und Hobbys zu erkennen, Sympathie füreinander zu empfinden, und schließlich sich anzufreunden. Sprache ist ein Kommunikationsmittel! Haben hingegen EinwanderInnen keine Möglichkeit, oder schlimmstenfalls kein Interesse, mit ihren neuen Landsleuten überhaupt zu kommunizieren, so entstehen wiederum die Vorurteile. „Warum leben die denn so zurückgezogen, was machen die überhaupt den ganzen Tag, von denen hört man ja nie etwas…“ Dialog und Verständigung sind gute Waffen gegen Vorurteile und Fremdenfeindlichkeit.
Ich erinnere hier an „Nathan der Weise“ von Gotthold Ephraim Lessing: Saladin und Nathan werden Freunde durch die Ringparabel, die Nathan dem Saladin erzählt. Saladin hört zunächst gelangweilt, am Schluss aber begeistert zu. Hätten Nathan und Saladin aber keine gemeinsame Sprache als Verständigungsmittel, so wäre dieses kleine Wunder leider unmöglich!
Dazu sei hier noch angemerkt: natürlich sollen ZuwanderInnen ihre Muttersprache auf keinen Fall vergessen oder verlernen. Mit Verwandten in der Heimat sollen sie selbstverständlich weiterhin in ihrer Muttersprache kommunizieren, gerne auch mit anderen ZuwanderInnen oder Einheimischen, welche die Muttersprache der Zuwanderer gerne lernen möchten. Ihre Kinder können doch zweisprachig aufwachsen – ein großer Vorteil in der Bildung und für die beruflichen Aufstiegschancen!
Aber die Sprache, die die „bereits Einheimischen“ verstehen, muss doch gelernt werden, und das ist nun einmal die Sprache, die in der neuen Heimat „traditionell“ gesprochen wird. Das führt noch lange zu keinem „Einheitsbrei.“

Zum Landesrecht: „Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich.“ Und: „Niemand darf wegen seiner Abstammung, seiner Heimat… benachteiligt oder bevorzugt werden“. Beide Zitate finden sich am Anfang des Grundgesetzes, d.h. man darf niemanden benachteiligen, aber auch niemandem Sonderrechte aus diesen Gründen zugestehen. Und in einer Gesellschaft, in der alle Menschen vor dem Gesetz gleich sind, ist nun einmal geltendes Recht für jedeN allgemein verbindlich. Deshalb muss sich jedeR MigrantIn an genau das gleiche Recht halten wie die anderen EinwohnerInnen. Und dazu muss sie/er es akzeptieren.
Von „Einheitsbrei“ kann auch hier noch lange keine Rede sein, nur weil alle vor dem Gesetz „gleich“ sind. Schließlich gelten ja auch für alle die gleichen Menschenrechte!
Auch das ist ein Teil von „nötiger ‚Integration’.“ Ich erinnere mich an einen Fall, als eine deutsche Richterin von wenigen Jahren einen Marokkaner, der seine Ehefrau misshandelt hatte, freisprach und auf ein angebliches Züchtigungsrecht im Koran verwies. Genau so etwas muss jedoch in einem Rechtsstaat vermieden werden. Niemand darf einen anderen Menschen schlagen, egal ob man dabei ChristIn, AtheistIn oder MuslimA, ob man deutscheR, marokkanischeR oder andereR StaatsbürgerIn ist.
Die Grüne Jugend und Bündnis 90/Die Grünen legen seit jeher aus gutem Grund Wert auf Gleichberechtigung der Geschlechter. Gerade da aber sind leider in manchen Migrantenfamilien die Zustände noch so archaisch wie in Europa vor mehreren hundert Jahren. Auch heute haben in der „westlichen“ Welt Frauen leider immer noch gewisse Nachteile. In Familien mit Migrationshintergrund leider häufig noch viel mehr. Ich denke da an ständige Überwachung und Freiheitsentzug der Frauen durch Väter, Ehemänner oder Brüder in manchen Familien, daran, dass muslimischen Mädchen häufig „aus religiösen Gründen“ von der Familie die Teilnahme am Sport-, insbesondere am Schwimmunterricht, verboten wird, und daran, dass es in den schlimmsten Fällen zu sogenannten „Ehrenmorden“ kommt, wenn die Frauen ein selbstbestimmtes Leben führen wollen. Man vergesse z.B. die afghanischstämmige Schülerin Morsal Obeidi aus Hamburg sowie die junge Frau Hatun Sürücü nicht, denen beiden ein derartiges Schicksal widerfuhr.
Hier gilt es speziell für eine politische Gruppe wie die Grüne Jugend, die für die Menschenrechte und Frauenrechte eintritt, aktiv gegenzusteuern, statt zu suggerieren, das Wort „Integration“ sei fast immer ein Indikator für unterschwelligen Rassismus. Das ist es sicherlich manchmal, aber bestimmt nicht immer, und von „Assimilation“ soll hier ja keine Rede sein.
Das Aufgeben von menschenverachtenden Traditionen fällt nämlich hier auch unter den Sammelbegriff „Integration.“ Nicht weil wir Deutschen etwa die besseren Menschen wären, sondern einfach weil bei Deutschlands Bevölkerung ohne Migrationshintergrund solche Formen der Familientyrannei heute doch Gott sei Dank in aller Regel als überwunden gelten können.
Selbstverständlich ist die überwältigende Mehrheit der MigrantInnen offen und aufgeschlossen und übernimmt jene wenigen Schritte der „Integration“, die meiner Ansicht nach leider doch unumgänglich sind, gerne allein, ohne dabei ihre kulturellen und historischen Wurzeln zu verleugnen. Ganz so, wie es sein sollte, aber auch ohne einen „Einheitsbrei“ zu schaffen. Die erwähnten Probleme liegen allenfalls bei einer Minderheit.
Lediglich mit dem Ziel, dass wir die Notwendigkeit einer gemeinsamen Sprache als Kommunikationsmittel, sowie unsere Pflicht, auf die Gewährleistung von Frauenrechten auch in Migrantenfamilien zu achten, habe ich diesen Artikel verfasst.

Sofern man sich mit allen MigrantInnen ohne größere Probleme mittels einer gemeinsam beherrschten Sprache verständigen kann, und die Gleichberechtigung der Migrantinnen gesichert ist, wozu jedoch in manchen Familien noch der Bruch mit festgefahrenen traditionellen Rollenbildern notwendig zu sein scheint, sofern können wir alle von unseren ZuwanderInnen profitieren. Und diese hoffentlich auch vom Zuzug hierher sowie von besseren Arbeits- und Bildungsmöglichkeiten (und bei Bedarf natürlich auch von staatlicher Grundsicherung und medizinischer Versorgung). Das muss das ziel von gelungener „Integration“ sein: kulturelle Bereicherung durch ZuwanderInnen sowie bessere Lebenschancen für dieselben. Ohne Vorurteile und auf der Basis der gegenseitigen Anerkennung und des Dialogs.