Von Heimattümelei und Patriotismus

Zu meinem eigenem Leid musste ich für den Sozialkundeunterricht auf meiner Schule einen Artikel für eine Zeitschrift schreiben. Jede Klasse der Abiturjahrgänge erstellt hierbei eine eigene Zeitschrift, jede*r Schüler*in schreibt einen Artikel. Das verzwickte: Alle Zeitschriften müssen zum Thema Heimat sein. Das bewog mich, in meinem Artikel die Kritik am Heimatbegriff zu beleuchten. Wenn ihr noch tiefer in das Thema einsteigen wollt, könnt ihr auch einen Blick auf die Beschlusslage der GRÜNEN JUGEND Bayern werfen.
In letzter Zeit lassen die unterschiedlichsten Parteien den Heimatbegriff in ihren Wahlkampf einfließen. Viele kritische Stimmen äußern sich stark gegen die positive Verwendung dieses Wortes. Doch warum eigentlich? Was spricht gegen die Erweckung von Heimatgefühlen zum Fangen von Wähler*innenstimmen? Und was genau bedeutet „Heimat“ eigentlich?

Laut Duden bedeutet „Heimat“ ein „Land, Landesteil oder Ort, in dem man [geboren und] aufgewachsen ist oder sich durch ständigen Aufenthalt zu Hause fühlt (oft als gefühlsbetonter Ausdruck enger Verbundenheit gegenüber einer bestimmten Gegend)“. Das klingt erstmal sehr neutral. 
Lasst uns jetzt einen Blick zurück werfen auf das frühe 20. Jahrhundert. Hier begann die Verschmelzung des Heimatbegriffs mit völkischem und nationalistischem Gedankengut. Heimat wird mit Vaterland und nationalem Denken verbunden. Schließlich verknüpfte der Nationalsozialismus „Heimat“ mit der so genannten „Blut und Boden-Ideologie“, die beschreibt, dass der Staat nur aus dem eigenen Volk, also der eigenen „Rasse“, bestehen soll.
 Zurück in der Gegenwart finden wir das Wort „Heimat“ vorrangig bei rechten Parteien und Strömungen. In den Neunzigerjahren waren spätere NSU-Terrorist*innen in einer Gruppe Neonazis mit dem Namen „Thüringer Heimatschutz“ aktiv. Die Identitäre Bewegung hat als erklärtes Ziel den Heimatschutz, PEGIDA und NPD benutzen mit Sprüchen wie „Heimatschutz statt Islamisierung!“ den Begriff als Kampfruf zur Diskriminierung einzelner Religionen. Alles Fremde oder nicht stereotypisch Deutsche wird als Gefahr für das „eigene“ Land dargestellt. 
Gleichzeitig findet man das Wort „Heimat“ auch im Kontext mit großen Parteien, die sich sonst klar von Rechts distanzieren und gegen sie vorgehen. So veranstaltete Bündnis 90/DIE GRÜNEN in Bayern einen ‚„Heimatkongress“, die SPD startete ein „Heimatförderprogramm“ auf Bundesebene, DIE LINKE. ist mit Plakaten mit der Aufschrift „Heimat ist da, wo Familie ist“ in den Landtagswahlkampf gegangen. Auch die konservative CSU verknüpft ihre propagierte Leitkultur oftmals mit Heimat.
 Diese von Kritiker*innen genannte „Heimattümelei“ soll Wähler*innen erreichen, zum einen im Sinne von Ökologie und Naturschutz, auf der anderen Seite soll die oft schon bestehende Verbindung von Heimat und eigener Kultur beziehungsweise Identität der Bürger*innen angesprochen werden. Besonders in der heutigen Zeit, in der ein wachsender Kulturrassismus Menschen anderer ethnischer und kultureller Hintergründe auszugrenzen versucht, kann das fatale Auswirkungen haben.  Denn die Verstärkung dieser Gefühle führt im Umkehrschluss zu wachsendem Patriotismus und „Vaterlandsdenken“. Sind diese erst in der Mitte der Gesellschaft angekommen und akzeptiert ist der Sprung nach rechts zum nationalistischem Denken und Handeln nicht mehr weit.

In der breiten Bevölkerung wird Heimat als ein positives Wort empfunden, unverfänglich und oft verwendet. Es bedeutet für jede*n eben etwas anderes und das kann auch ruhig weiterhin so bleiben. Jede*r darf Heimat sagen und verwenden, wie sie*er es für richtig hält. Betrachtet man jedoch den Hintergrund ist fraglich, warum „Heimat“ in einem politischen Kontext, der nicht rechten Strömungen entspricht, weiter verbreitet werden sollte und ebenso, was eine aufgeschlossene Bildungseinrichtung dazu bewegt, Schüler*innen eine Zeitschrift unter dem Motto eines klar nationalsozialistisch und antidemokratisch geprägten Begriffs erstellen zu lassen.

Anna-Maria Lanzinger auf Twitter